Mallorca-Segeltörn 2006

Eigentlich wollte ich in die Berge. Kraxeln. Doch dann entdeckte ich im Reisekatalog des Landesportbundes das Segel-Angebot Mallorca des Stadtsportbundes Hamm: Eine Woche Yachtsegeln auf einer 14,7 m langen Oceanis vom 2. – 9.9.2006. Warum nicht mal aufs Wasser – dachte ich. Meine Kamera blieb zu Haus. Ich beschloss, die neuen Erinnerungen nur im Kopf zu speichern. Doch nicht nur dort – auch in den Armen, Händen, Haut und Fußsohlen brannten sich die ersten Segelerfahrungen ein.

1. Tag: Um 7.45 Uhr landet Air Berlin Flug AB 4336 in Palma de Mallorca. Die Luft ist feucht. 30° verspricht der Wetterbericht. Meine Reisetasche bringt mich um. Habe bestimmt zu viele Klamotten eingepackt. Mit der Buslinie 1 erreiche ich in 25 Minuten unseren Treffpunkt Paseo Maritimo. Das japanisch aussehende Mädchen am Alboran Charter-Counter lächelt. Sie blättert in den Crewlisten. Herzlich willkommen. Bitte warten. Auf der Oceanis 473 „Alboran XIX Sabor“, haben noch die Putzfrauen das Kommando. Stolz liegt sie am Pier 3, eingekeilt zwischen anderen Yachten. Ich wuchte meine Tasche unter eine Bank in der Wartezone und sehe mir den Hafen an. Bei meiner Rückkehr treffe ich Maria aus Bottrop. Fehlen also noch acht Teilnehmer. Ulrice, Marion und Skipper Uwe Jacobs kommen gegen 11 Uhr.

Vor 16 Uhr können wir nicht an Bord. Also auf zur Kathedrale von Palma. Festtagsstimmung in der Altstadt der Inselhauptstadt. Als der heruntergehandelte Preis akzeptabel ist besteigen Marion und Ulrice eine der hübschen Kutschen.

Lassen sich durch verwinkelte Gassen chauffieren. Uwe bummelt zum Hafen zurück. Er will anwesend sein, wenn die restliche Crew aufschlägt. Ich finde einen Platz im Schatten. Ein total talentierter Clown amüsiert die Passanten. Mit Staubwedel und Hupe lockert er die Lachmuskeln.

Heute werden wir definitiv nicht mehr auslaufen – verkündet Uwe um 17 Uhr. Unsere Crew ist nun vollzählig: Mary sowie die Pärchen Hanne und Raymund sowie Britta und Thorsten. Mit Uwe inspiziere ich das Boot, das Übernahmeprotokoll in der Hand. Skipper Uwe musste für Klaus-Peter einspringen, da dieser sich den Fuß gebrochen hatte. Uwe stimmt uns auf die Abläufe an Bord ein. Beschnuppern werden wir uns noch. Vorher noch Vorräte bunkern.


Das Rasmus-Ritual

2. Tag: Frühstück an Deck. Ein Kaffeefilter ist nicht an Bord. Ulrice bastelt Ersatz. Abräumen, abwaschen. Alles klar zum Auslaufen? Doch rasch das Rasmus-Ritual. Ein flotter Spruch - die Rotweinflasche kreist, Uwe, unser Mann am Rohr, geht vor. Wir nehmen südöstlichen Kurs. Das Hygrometer zeigt 1010. Am Nachmittag die ersten Segel-Order. Ran an die Winsch. Ziehen, drehen, aber flott!!

In Rapita, einem kleinen, aber teuren Privathafen machen wir gegen 16 Uhr fest. 85 Euro kassiert lächelnd der Hafenmeister. Wir beschließen Essen zu gehen. Paella für Alle. Maria wagt sich an Ramazotti mit „Mucho Ice“. An Deck lassen wir den herrlichen Tag ausklingen.

3. Tag: Wir proviantieren uns mit Fisch und Frischware. Unser Ziel heute ist die 17 qkm große Inselgruppe Cabrera, auch Ziegeninseln genannt. Sie wird teilweise vom spanischen Militär genutzt und steht unter Naturschutz. Da wir uns vorher ein Permit besorgt haben dürfen wir den Naturhafen anlaufen.

Segelkommandos ertönen. Was ist was? Wie ging das? Die Begriffe sind mir noch fremd. Doch ich gebe mein Bestes. Unter Segeln nehmen wir südlichen Kurs. Ich stehe das erste Mal am Ruder und bin stolz. Da ich noch nicht die Trägheit des Ruders einkalkulieren kann gelingt es mir bisweilen nicht, korrekten Kurs zu halten. Delfine tauchen auf. „Die sehen wir nur, weil Du vom Kurs abgekommen bist“ witzeln die anderen. Wir lassen Cap de Liebeig an Steuerbord. Im Schatten der Inselburg machen wir an einer der 50 fest verankerten Moorings fest. Erst spät am Abend soll uns klar werden, dass wir morgens Rasmus vergessen haben. Die folgende Nacht wird geräuschvoll und heftig. Die See rollt. Alles Bewegliche klappert. Schlafen kann keiner, auch wegen der vielen Mücken.

Fette Motoryachten

4. Tag: Vor dem Frühstück müssen wir zunächst den Kühlschrank „trocken legen“. Ohne Stromversorgung war viel abgetaut. Ich werde getadelt, weil ich mal wieder das Baguette in zu schmale Abschnitte schneide. Sorry Ulrice! Gleißender Sonnenschein. Kopfsprung ins Wasser. Quallenalarm - heißt es plötzlich.

Per Schlauchboot geht’s an den Strand.

In der einzigen Hafenkneipe wird der Sangria getestet. Einige marschieren 170 m in Serpentinen bergauf zum Kastell, genießen die Aussicht vom Burgturm. In dessen Schatten starben vor 200 Jahren über 3500 von den Spaniern internierte französische Soldaten des Napoleon-Heeres. Alles Klar zum Auslaufen? Am Nachmittag legen wir in Cala d Or an.

5. Tag: Fette Motoryachten mit Auspuffrohren so dick wie der Oberschenkel einen Gewichthebers dümpeln träge am Pier. Die Sanitäranlagen am Hafen sind klasse. Jeder kann den Tag gestalten wie er will. Ich genieße es faul zu sein. Will faul sein. Doch auf Dauer ist mir das zu anstrengend.


Leinenschwimmen

6. Tag: Der Wind spielt nicht mit. Da muss der 75-PS Volvo Diesel ins Geschirr. Mit vier Knoten nehmen wir erneut Kurs Cabrera. Uwe knüpft zwei Taue zusammen und ans Ende den Heckfender. Leinenschwimmen.

Freiwillige vor. Keine Haftung für Oberteile und Badehosen, warnt Uwe. Britta, Torsten, Hanna, Raymund und ich probieren es aus. Bei drei Knoten Fahrt schwillt der Trizeps. Um nicht wie ein Hering gewirbelt zu werden spreize ich die Beine und stabilisiere so meine Körperposition. Ein Heidenspaß. Aber mein Kopfkino schaltet sich ein. Die Vorstellung mal echt über Bord zu gehen ist beklemmend. Selbst für einen erfahrenen Schwimmer.

Wir umrunden Cabrera. Ankern wieder an unserem Stammplatz. Uwe nimmt mich mit in die Hafenkneipe. Im Beiboot geht’s zum Strand. Beim Glas Bier und einem Sardinensandwich tauschen sich zwei Gleichgesinnte aus. Uwe kommt auch aus dem Münsterland.

Törnbändsel für Jeden

Nach dem Abendessen an Bord macht Uwe es spannend. Über der Gasflamme glüht ein Messer. Daneben liegt eine schmale rote Leine. Uwe nimmt am Handgelenk Maß. Schneidet ein Stück Leine ab, presst die heißen Kunststoffenden zusammen. Das Törnbändsel hält. Ein Schluck Brandy. Ein fester Händedruck. Freundschaft auf See… Romantik pur. Dann tuckern alle an Land und lassen es sich in der Kneipe gut gehen. Neben uns sitzen sechs Österreicher. Britta verwickelt sie in ein Gespräch. Wir prosten uns zu. Nachts bringt das Sextett den Mädchen ein Ständchen. Wir Alle sind ein wenig gaga. War das nicht der schönste Tag?? .

7. Tag: Der letzte Abend endete spät am folgenden Morgen. Darum will keiner aufstehen. Ich hab mir den Wecker auf 6 Uhr gestellt. Der Sonnenaufgang ist es wert. Fast unbemerkt rappelt sich Uwe hoch, nimmt ein Bad in der Bucht. Putzt sich die Zähne. Macht die Mooringleine klar. Es geht heimwärts.

Wir sind wieder mal eine Wäschefabrik. So nennt es Uwe, wenn auf der Reling die nassen Badetücher trocknen.

8. Tag: Abschied nehmen. Eine Woche mussten wir auf engstem Raum klar kommen. Hat aber geklappt. Auch Dank Uwes Souveränität.

Danke Uwe, Danke Marion, es war eine spannende Woche! Mit Euch würde ich das Abenteuer gern wiederholen.

Text: Jan. Fotos: Ulrice, Marion.